Wertungen, Bewertungen, urteilen - von Menschen oder Situationen.
Es ist sicher jedem von uns schon passiert, dass Äusserungen oder Verhaltensweisen, mitunter sogar ein Blick, dazu führten, dass wir jemanden völlig anders verstanden haben, als dieser es gemeint hatte. Mitunter kommt es dann zu Missverständnissen, Unstimmigkeiten, Verletzungen oder Streitigkeiten. Manchmal klärt sich die Situation später und wir stellen fest: Vieles war völlig unnötig.
Ein Grund ist sicherlich, dass wir - oft unbewusst - Verhalten und Gespräche werten, beurteilen. Und diese Wertungen sind häufig von vielem beeinflusst. Unser Gegenüber drückt sich vielleicht missverständlich aus. Oder das Gesagte wird von einem Blick oder Tonfall begleitet, der auf uns genervt, angespannt, gereizt wirkt.
Nun kann es sein, dass es tatsächlich so ist, wie wir auf den ersten Blick vermuten, es muss jedoch weder etwas mit uns oder mit dem Gespräch zu tun haben. Möglicherweise ist unserem Gesprächspartner auch nur gerade ein völlig anderer Gedanke, beispielsweise der anstehende Zahnarzttermin, durch den Kopf geschossen. Oder ihn beschäftigt gerade ein Problem, es geht ihm nicht gut, er ist massivem Stress ausgesetzt oder von einer Situation völlig überfordert und wirkt deshalb angespannt, drückt sich weniger sachlich und / oder deutlich aus.
Ebenso ist es möglich, dass Gespräche oder Verhalten von uns ganz falsch aufgefasst werden, weil es uns selbst gerade nicht gut geht. Sicher kennen viele diese Phasen, in denen man extrem dünnhäutig ist. Eigentlich müssten wir aus Erfahrung wissen, dass wir gerade in solchen Tiefs zu Überbewertungen und Fehleinschätzungen neigen. Dass wir beispielsweise mit gut gemeinter, konstruktiver Kritik, die wir ansonsten schätzen, in solchen Momenten nicht mehr umgehen können, ein Hinweis, der als Verbesserungsvorschlag einer Sache gedacht ist, uns nun plötzlich als Abwertung unserer ganzen Person erscheint.
In solchen Situationen reagieren wir dann mitunter entsprechend: Ziehen uns zurück, sind deprimiert, traurig, wütend. Oder wir brausen auf, antworten unfreundlich oder sogar aggressiv. Es kann zu Kränkungen, Angriffen, Beleidigungen führen. Diese Konflikte belasten meist beide Seiten. Ist das wirklich nötig - oder lässt es sich, wenn schon nicht immer, so doch häufig, vermeiden?
Eine Möglichkeit ist, die Situation sofort zu klären. Den anderen offen und freundlich danach zu fragen, wie er das gemeint hat. Dadurch löst sich manches sofort auf, weil es eben doch ganz anders war, als es schien.
Mitunter ist man jedoch nicht dazu in der Lage, dies unmittelbar sachlich zu lösen, weil etwas extrem getroffen hat, weil man ohnehin schon durch anderes überfordert ist und keinen klaren Gedanken fassen kann, weil sich zu viele Emotionen dazwischen schieben, weil man gerade völlig aufgewühlt, verletzt oder wütend ist. Es ist absehbar, dass sich die Situation dann durch sofortige Klärungsversuche eher zuspitzt, wenn nicht sogar eskalieren würde. In dem Fall ist es sinnvoller, das erst mal so stehen zu lassen. Damit ist jedoch gemeint: Es tatsächlich so stehen zu lassen, wenigstens für den Augenblick - nicht, sich bockig zurückzuziehen, herumzugrübeln, die Sache hin und her zu drehen und zu wenden, sich tausend Erklärungen für das Verhalten des anderen zurechtzubasteln und sich alles mögliche (und unmögliche) auszumalen, womöglich sogar noch Dinge, die länger zurückliegen, hervorzukramen und der aktuellen Sache hinzuzufügen. Dadurch wird die eventuell spätere Klärung zusätzlich erschwert - und besser fühlen wir uns damit mit Sicherheit auch nicht.
Es kann konstruktiv sein, sich zu fragen, ob man die jeweilige Situation zwingend deuten, werten, beurteilen, interpretieren muss. Kann man es nicht einfach stehen lassen als Sichtweise des anderen, als seine Meinung, seine Wahrheit? Hat es tatsächlich etwas mit uns persönlich zu tun?
Warum hat mich das nun getroffen? Wenn wir uns gerade in einem Tief befinden - stellen wir uns doch einmal ganz ehrlich die Frage: Liegt es tatsächlich an meinem Gegenüber - oder sehe ich vielleicht gerade 'Gespenster'? Spielen vielleicht unbewusst andere Dinge eine Rolle, die nichts damit zu tun haben? Vielleicht unbewusste Assoziationen? Was habe ich in bestimmten Situationen überhaupt für Massstäbe für meine Wertungen und Betrachtungsweisen? Sind sie wirklich angemessen - oder haben sich vielleicht sogar Klischeevorstellungen eingeschlichen? Wie fühle ich mich gerade, warum ist das so und wie sind meine Reaktionen aufgrund dieser Emotionen? Wie realitätsnah ist das gerade? Vermischt sich die aktuelle Situation vielleicht gerade mit früheren Erlebnissen oder Verletzungen?
Vielleicht ist es nützlich, sich einmal ein paar Gedanken über die eigenen Bewertungen, Massstäbe, Beurteilungen zu machen. Sich bewusst zu machen, dass nicht jeder meine Ansichten teilen muss, dass unterschiedliche Meinungen durchaus nebeneinander stehen können. Vielleicht einmal zurückzublicken: Mit Sicherheit gibt es einiges, das wir vor Jahren noch gänzlich anders gesehen haben als heute oder Situationen, in denen wir völlig gegensätzlich gehandelt haben. Und nun? Muss deshalb zwingend wahlweise meine damalige oder aber meine heutige Sicht richtig oder falsch sein? Kann nicht eine Lösung heute für mich vollkommen in Ordnung sein und noch vor 5 Jahren eine absolut gegenteilige? Ist es nicht normal, dass für den einen etwas richtig ist und für den anderen etwas ganz anderes? Muss überhaupt prinzipiell alles in 'Richtig-oder-falsch-Schubladen' einsortiert werden?
Selbst, wenn sich sonst nichts finden lässt, so kann man vielleicht aus der Situation lernen.
Manchmal wird durch derartige Betrachtungen das eine oder andere wieder etwas gerader gerückt und man kommt besser damit zurecht. Im Alltag geht uns mitunter der Blick für die wesentlichen Dinge verloren - so wird manches wieder bewusster.
Sicherlich wird dieses Umdenken nicht auf Anhieb funktionieren und auch nicht immer und in jeder Lage. Jedoch ist es schon ein Gewinn, wenn es zumindest zeitweise gelingt. Und durch Übung wird es sicherlich einfacher mit der Zeit. Ähnlich wie beim positiven Denken: Anfangs tut man sich sehr schwer damit, doch auch wenn es einem vielleicht nie bei allem gelingt, wird es dennoch umsetzbarer.
'Die Wahrheit jedoch ist, dass die übervolle Seele sich bisweilen in eine völlig leere Sprache ergiesst, denn niemand von uns kann jemals das wirkliche Ausmass seiner Wünsche, seiner Gedanken oder seiner Leiden ausdrücken; und die menschliche Sprache gleicht einem zersprungenen Kessel, auf den wir krude Rhythmen wie für Tanzbären trommeln, während wir uns danach sehnen, eine Musik zu machen, bei der die Sterne schmelzen.'
'Das Wahre gibt es nicht! Es gibt nur verschiedene Arten des Sehens.'
Gustave Flaubert (franz. Schriftsteller - 1821 - 1880)
'Die Welt ist meine Vorstellung.'
Arthur Schopenhauer (deutsch. Philosoph - 1788 - 1860)
'Man soll nie auf den ersten Blick urteilen, weil man sich beim zweiten Blick nur zu oft vom Gegenteil überzeugt.'
Johann Nepomuk Nestroy (österr. Satiriker, Dramatiker und Schauspieler - 1801 - 1862)
Ein kleines Gedankenspiel mit Begriffen:
Kommunikation kommt vom lateinischen communicare = mitteilen, eine Mitteilung machen, teilnehmen lassen, teilen, gemeinsam machen, vereinigen - auch wenn wir uns mitteilen, müssen wir deshalb nicht die gleiche Meinung teilen.
Interpretation (und was interpretieren wir nicht alles (in etwas hinein), gerade wenn wir mit anderen kommunizieren) stammt vom lateinischen interpretatio = Übersetzung, Auslegung, Deutung, Erklärung - wenn wir mit unserer jeweiligen Interpretation richtig liegen, kann es eine Übersetzung sein, oft genug wird aber auch eine (falsche) Deutung daraus.