Psychische Reaktionen

 
Definition

Zumindest am Anfang fällt es den meisten schwer, eine psychische Erkrankung als Diagnose zu akzeptieren. Sicher sind einigen Gedanken wie 'Vielleicht hat es ja doch irgendeine körperliche Ursache' nicht unbekannt. Manche würden eine körperliche Erklärung eindeutig vorziehen. Mangelnde Akzeptanz sowohl des Erkrankten als auch der Umgebung spielen dabei eine große Rolle.

 
Akzeptanz psychisch Erkrankter

Ein Grund ist sicher darin zu suchen, dass psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit immer noch kaum Akzeptanz finden. Wenn man sich ein Bein bricht, sieht das jeder, man weiss vorher, wie die Umgebung reagieren wird. Bei psychischen Störungen ist es häufig anders, weshalb sie oft überspielt werden. Dies ist dann wieder eine zusätzliche Belastung, etwas, das weitere Kraft kostet.

Was sicherlich auch wenig hilfreich ist: Es gibt sehr viele Beschreibungen der unterschiedlichen Krankheitsbilder in diesem Bereich, aber nur sehr wenig, das in verständlicher Form darauf eingeht, was während dieser Störungen und bereits im Vorfeld in den Menschen vorgeht.

 
Auslöser für psychische Erkrankungen

Betroffen von psychischen Erkrankungen sind häufig Menschen, die bereits in ihrer Kindheit Gewalt, Misshandlungen, Vernachlässigung, Gefühlskälte oder Ausgrenzung ausgesetzt waren. Nun sind gerade Kinder 'Meister im Verdrängen' und auch im Überleben. Später im Erwachsenenalter wundert man sich bei der Aufarbeitung seiner Probleme mitunter über Verhaltensmuster, über 'Schutzmauern' und stellt sich die Frage, woher diese kommen. Und häufig sind sie bereits in der Kindheit dadurch entstanden, dass man gelernt hat – mehr noch: Lernen musste – Emotionen, Verletzungen, Gefühle einfach auszuschalten, nicht mehr oder nur abgeschwächt wahrzunehmen. Dies führt dann manchmal dazu, dass Gefühle dieser Art auch später gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden können, sondern sich nur noch als körperliches Anzeichen bemerkbar machen. Man könnte es vereinfachend bildlich ausdrücken mit 'Weil die Seele schweigen musste, spricht sie nun eben über den Körper'.

Die 'Mauern', die viele von uns sicherlich kennen, werden in folgendem Zitat sehr gut ausgedrückt:

'Was Macht hat, mich zu verletzen, ist nicht halb so stark wie mein Gefühl, verletzt werden zu können.'
William Shakespeare (englischer Dichter und Dramatiker – 1564 – 1616)

 
Häufiges Auftreten von psychischen Problemen

Häufig stellen sich Probleme ein oder verstärken sich, wenn Veränderungen in unserem Leben anstehen oder eintreten. Beziehungswechsel, Geburt eines Kindes, Verlust eines Menschen, berufliche Probleme und ähnliches. Wir beginnen dann, darüber nachzudenken, zu prüfen, in Frage zu stellen. Und manchmal muss man sich ganz neu orientieren, ganz neue Ziele abstecken, sich selbst 'wiederfinden'. Dabei kann es dann zu Unsicherheit, Zweifeln, Skepsis kommen – und eben auch zum Verzweifeln. Zum Verzweifeln an sich, an seiner Situation, an seinem Leben. Und ebenfalls, sich dabei mal völlig 'auszuklinken', mit Ängsten, psychotischen Störungen oder anderem darauf zu reagieren. Ist dies seltsam, 'unnormal' - oder nicht vielleicht doch einfach natürlich und schlicht menschlich?

'Bestehet ja das Leben der Welt im Wechsel des Entfaltens und Verschliessens, in Ausflug und Rückkehr zu sich selbst, warum nicht auch das Herz des Menschen?'
Johann Christian Friedrich Hölderlin (deutscher Lyriker und Dramatiker, Theologe – 1770 – 1843)

 
Positive Aspekte

Positiv daran ist: Manchmal sind gerade diese Erkrankungen das, was uns vor Schäden bewahrt. Oftmals achtet man nicht genug oder auch gar nicht auf sich selbst, übersieht die eigenen Grenzen oder ignoriert sie, überfordert sich pausenlos. Oder alles scheint wichtig zu sein und man vergisst sich selbst dabei. Häufig erkennt man das erst dann, wenn eben nicht mehr alles reibungslos weiterläuft. Erst dann beschäftigt man sich mit sich selbst.

Und hier liegt eine Chance in der Erkrankung: Sich neu auszurichten, anders zu orientieren, sich selbst wieder wahrzunehmen, aus Fehlern zu lernen und - das eigene Leben wieder lebenswert zu gestalten.

'Die Furcht hat ihren besonderen Sinn.'
Gotthold Ephraim Lessing (deutscher Philosoph und Schriftsteller – 1729 – 1781)

Man kann Ängste oder andere psychische Erkrankungen also statt ausschliesslich als Belastung, als eine Art 'Fluch', auch als Herausforderung betrachten: Die Dinge, die falsch laufen zu erkennen und zu ändern, zu lernen, damit umzugehen, sich selbst viel besser kennenzulernen, Neues in Angriff zu nehmen und an den Anforderungen durch diese Probleme zu wachsen. Und dabei vielleicht sogar Seiten oder Fähigkeiten an sich zu entdecken und zu nutzen, die man bisher gar nicht kannte.

'Schwierigkeiten bringen Talente ans Licht, die bei günstigeren Bedingungen schlummern würden.'
Horaz (römischer Dichter und Satiriker - 65 - 8 vor Christi)

 
Sensibilität

Mitunter werden Menschen, die mit psychischen Problemen zu tun haben, als überempfindlich, im allgemeinen Sprachgebrauch als 'dünnhäutig' bezeichnet. Richtig ist, dass dies zum Teil genetisch bedingt ist. Genauso richtig ist aber – und das wird oft übersehen – dass man dies auch durch besonders extreme Belastungen oder mangelnde Selbstbestätigung werden kann. Inzwischen ist wissenschaftlich erwiesen, dass Gene nicht zwingend immer aktiv sind. Durch extreme Beanspruchung oder Überbelastung kann die Aktivität der Gene ausgelöst werden. Das wirft die Frage auf: Wenn durch solche Überlastungen Störungen hervorgerufen werden, die uns dazu bringen, auf uns zu achten – ist es dann Schwäche oder doch vielleicht eher eine Art Schutz, eine Warnung?

'Schwäche, die bewahrt, ist besser, als Stärke, die zerstört.'
Joseph Joubert (französischer Moralist und Essayist -1754 – 1824)

 
Hilfreiche Gedanken

Abschliessend dazu noch etwas, wenn wir wieder etwas geschafft haben, dass durch diese Probleme eine Herausforderung für uns war – und sei es für Nicht-Betroffene auch noch so alltäglich und belanglos:

'Beherzt ist nicht, wer keine Angst kennt, beherzt ist, wer die Angst kennt und sie überwindet.'
Khalil Gibran (libanesischer Maler und Schriftsteller - 1883 – 1931)