Dissoziative Identitätsstörung

 
Dissoziative Identitätsstörung

MPS heisst "Multiple Persönlichkeitsstörung". Diesen Begriff können Ärzte allerdings nicht mehr bei der Krankenkasse angeben, da dies eine veraltete Diagnosebezeichnung ist. Seit 1994 wird die MPS, als dissoziative Identitätsstörung bezeichnet. Er verdeutlicht, dass es sich nicht um reale Personen handelt, die sich zusammen einen Körper teilen, sondern das sich verschiedene Anteile eines Menschen, als so sehr voneinander getrennt erleben, dass sie jeweils über eine eigene Identität verfügen. DIS ist also die neuere, von den Krankenkassen anerkannte Diagnosebezeichnung.

Die Dissoziative Identitätsstörung ist eine Traumastörung. Die Kriterien sind inzwischen spezifiziert worden: Das heisst unter anderen, es wird zwischen der Internalisierten und der Externalisierten DIS unterschieden:

Internalisierte Dissoziationen sind für die Umwelt nicht offensichtlich. Die betroffenen Personen wirken bisweilen lediglich entrückt, oder die Dissoziation taucht in Form von „geistig abwesend wirkend“, in Form der Entrückung, oder Trance auf. Nach aussen bleibt das aktuelle "Ich" im Focus, wird aber von einer anderen Person im Hintergrund beeinflusst, gesteuert. (Das kann zu einem Dialog führen, zwischen dem Ich im Ich-Focus und der Inneren Person, aber auch zu einem Dialog zwischen dem Zweitreiher und einer Dritten Person im Aussen, dem das Ich im Ich-Focus als Zuhörer folgt.)

Externalisierte Dissoziationen treten durch das aktive Interagieren der abgespaltenen Teil-Persönlichkeit mit ihrer Umwelt auf. Die Persönlichkeit hat dann eine andere Identität und meist andere Vorlieben, die denen der Ursprungs-Persönlichkeit meist konträr gegenüberstehen.

DSNNS heisst "Dissoziative Störung, nicht näher spezifiziert", und ist genauso schwammig, wie es sich anhört. Die Diagnose bekommen Menschen gestellt, denen man nicht genau eine der dissoziativen Störungen zuschreiben kann, die aber irgendwie dissoziativ sind.

Die Dissoziative Identitätsstörung spiegelt die Unfähigkeit wieder, verschiedene Aspekte der Identität des Gedächtnisses und des Bewusstseins zu integrieren. Jeder der Persönlichkeitszustände kann eine unterschiedliche persönliche Geschichte, ein unterschiedliches Selbstbild und eine unterscheidbare Identität mit verschiedenen Namen haben. Gewöhnlich existiert eine primäre Identität, die den Namen der Person trägt. Diese ist in der Regel passiv abhängig, hat Schuldgefühle und ist depressiv. Die wechselnden Identitäten haben häufig verschiedene Namen und Charaktereigenschaften, die im Gegensatz zur primären Identität stehen (z. B. können sie feindselig, kontrollierend und selbst zerstörerisch sein). Einzelne Identitäten können unter speziellen Umständen auftauchen und sich im angegebenen Alter, Geschlecht, der Sprache, dem Allgemeinwissen oder dem vorherrschenden Affekt unterscheiden. Dies kann internalisiert, dass heisst "nur im Kopf", oder externalisiert, also nach aussen hin geschehen. Die einzelnen Identitäten werden so erlebt, dass sie in bestimmten Situationen die Kontrolle - auf Kosten der anderen - übernehmen. Sie können das Wissen über die anderen leugnen, diesen gegenüber sehr kritisch , oder sogar im offenen Konflikt mit ihnen stehen. Aggressive oder feindselige Identitäten können zeitweise Aktivitäten unterbrechen oder die anderen in unangenehme Situationen bringen.

Die einzelnen Anteile können drei Arten von Beziehungen untereinander haben:

  • wechselseitige Amnesie: Die Subpersönlichkeiten wissen nichts voneinander.
  • wechselseitiges Wissen: Die Subpersönlichkeiten wissen voneinander, sie hören sich gegenseitig und sprechen miteinander.
  • einseitige amnestische Beziehung: Am häufigsten kommt es vor, dass einige Anteile (Co-bewusste Subpersönlichkeiten) von der Existenz der anderen wissen, als "stille Beobachter" die Handlungen und Gedanken der anderen beobachten, aber nicht mit diesen interagieren.

 
Personen mit dieser Störung haben häufig Lücken in der Erinnerung der persönlichen Geschichte, sowohl für frühere wie aktuellere Ereignisse. Die passiveren Identitäten haben eine eher eingeschränkte Erinnerung, während die feindseligeren, kontrollierenden oder "Beschützer" - Identitäten vollständigere Erinnerungen aufweisen. Es ist möglich, dass eine Identität, die gerade keine Kontrolle ausübt, versucht, durch die Produktion akustischer oder visueller Halluzinationen einen Zugang zum Bewusstsein zu erlangen (z. B. eine Stimme, die Instruktionen gibt).

Es kann nicht nur zu einem Gedächtnisverlust für immer wiederkehrende Zeitabschnitte kommen, sondern auch zu einem gesamten Verlust der biographischen Erinnerung an einen umfassenden Zeitraum in der Kindheit. Die Übergänge zwischen den Identitäten werden häufig durch psychosoziale Belastungen ausgelöst. Es dauert gewöhnlich nur Sekunden, um von einer Identität zur anderen zu wechseln; seltener kann dieser Übergang auch langsam, stufenweise von statten gehen. Die Anzahl der berichteten Identitäten kann von 2 bis mehr als 100 reichen. Die Hälfte der Erkrankten gibt an, 8 - 10 Personenanteile zu haben.

 
Was sind die Ursachen der dissoziativen Identitätsstörung?

83% sexueller Missbrauch in der Kindheit
75% physische und psychische Gewalt in der Kindheit
68% inzestuöse Erfahrungen in der Kindheit
 
 
Entstehung:

Ein Kind kommt mit etwa fünf Ich-Zuständen zur Welt. Beim Heranwachsen (auch sein Gehirn muss ja allmählich wachsen) gerät es zunächst von einem Zustand nach dem anderen ohne dies steuern zu können. Solche Zustände vervielfältigen und wiederholen sich, sodass das Kind allmählich zwei Dinge lernt:

  • Wie es einen unangenehmen Zustand beenden kann. (z.B. durch Weinen)
  • Wie es einen angenehmen Zustand herstellen und aufrechterhalten kann.

 
Wenn ein Kind früh traumatisiert wird, werden diese Fähigkeiten behindert, die ganz wesentlich dafür sind, ein Selbst-Gefühl zu fördern. Ein Kind, das misshandelt wird, kann diesen Zustand nicht selbst beenden, und findet oft kein anderes Mittel als zu dissoziieren um in einen anderen Ich-Zustand zu kommen. Auf der nächsten Stufe lernt das gesunde Kind dann, Metakognitionen über sich anzustellen:

  • Wer bin ich?
  • Was gehört nicht zu mir? (Auch wenn ich mich manchmal so fühle oder verhalte.)

 
Ein Kind das auf ein und dasselbe Verhalten einmal eine positive, einmal eine negative und einmal gar keine Reaktion bekommt, kann diese Fragen vermutlich kaum oder gar nicht beantworten.

Bei der chronischen Dissoziation werden im Wesentlichen 3 Stufen unterschieden:

  • Primäre Dissoziation: unmittelbar während des traumatischen Geschehens
  • Sekundäre Dissoziation: Aufspaltung in eine Alltagspersönlichkeit (ANP) und dem emotionalen Innenleben (EPs)
  • Tertiäre Dissoziation: Ego State Disorder oder DIS

 
Bei Kindern in Lebensgefahr oder anhaltenden Gewaltsituationen werden auf psychischer Ebene für die einzelnen, widersprüchlichen und unvereinbaren Lebensbedingungen verschiedene Persönlichkeiten erschaffen. Diese Persönlichkeiten können die gegensätzlichen Aufgaben besser erfüllen. Die Kinder funktionieren trotz starker Belastung. Ausserdem verliert sich teilweise die Erinnerung an das belastende Ereignis, da eine vermeintlich andere Person sie erlebt hat. Wird auf dieses psychische Schutzsystem auch noch im Erwachsenenalter zurückgegriffen und beeinflusst es das Leben des Betroffenen sehr stark oder gar auf schädigende Art, so wird es als krankhaft angesehen.

Bei den Traumata handelt es sich um besonders frühe und besonders schwerwiegende Erlebnisse: Diese sind häufig sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlungen und extreme Vernachlässigung. Vor allem kommen auch Kombinationen von verschiedenen Ursachen zusammen. "DIS - Patienten wurden häufiger auf besonders sadistische Weise missbraucht als andere Menschen, die sexuell missbraucht wurden." (Putnam,2003, S.72).

Nicht alle an DIS erkrankten wurden von mehreren Personen sexuell missbraucht, aber wesentlich zur Entstehung der DIS trägt wiederholter Missbrauch bei. Drei Viertel der befragten Teilnehmerinnen der von Frank W. Putnam durchgeführten NIMH- Studie berichteten von sadistischen, teils bizarren körperlichen Misshandlungen (Putnam, 2003, S.72). Frank W. Putnam verweist dabei auch auf Berichte von rituellem Missbrauch und speziellen pädophilien Ringen.

Freiheitsberaubung spielt in der Lebensgeschichte, so Frank W. Putnam sehr oft eine Rolle (2003, S.72). Deprivation kann also auch mit zu den traumatischen Lebensbedingungen gezählt werden, die sie häufig erlebt haben. Auch hier kommen sehr bizarre Formen vor.

Ebenso vertraut sind vielen Erkrankten verschiedene Formen emotionaler Grausamkeit (Putnam,2003, S.73). So wurden sie beispielsweise als Kind systematisch lächerlich gemacht, herabgewürdigt und verunglimpft. (Putnam, 2003, S. 72).

Michaela Huber (1995) nennt als eine weitere Bedingung bei der Entstehung der dissoziativen Identitässtörung ausbleibende Hilfe. Besonders hebt sie beispielhaft die Rolle der Mutter hervor. Die Mutter ist nicht selten selbst eine Misshandelnde, oder aber zumindest Mitwisserin, ohne zu Handeln: Sie schimpfen und schlagen, vernachlässigen und hänseln, demütigen und können urplötzlich- aus aufflackernden Liebes- oder Schuldgefühlen- wieder ganz liebevoll sein. (Huber, 1995, S. 56)Auch ein unklarer Erziehungsstil erweist sich hier als schädlich. Häufig erhält das Kind für das gleiche Verhalten das eine Mal eine liebevolle, das andere Mal eine strafende oder sogar traumatisierende Reaktion von Seiten der Erwachsenen. (Huber, 1995, S.56)

"Was nun ein Kind allein nicht aushalten kann, dazu holt es sich Helfer hinzu. Viele kleine Spezialisten bilden sich heran." (Schneider, 1997, S.2) Sie erfüllen an die individuelle Situation angepasste Funktionen und entwickeln sich so mit der Zeit.Zusammenhang zwischen DIS u. sexueller Missbrauch in der Kindheit

Die folgende Tabelle gibt Daten aus Egle/Hoffmann/Joraschky Seite 403 wieder: Sexueller Missbrauch und andere Traumata in der Vorgeschichte von DIS-Patienten

Autor, Jahr Ergebnisse
Coons + Milstein 1986: 75% sexueller Missbrauch in der Vorgeschichte
Putnam 1991: 83% schwerer sexueller oder körperlicher Missbrauch
Boon und Draijer 1993: 94,4% körperliche und/oder sexuelle Misshandlungen, davon 80,6% PTBS
Ross et al 1990: 90,2% schwerer sexueller Missbrauch, 82,4% schwere körperliche Misshandlung

 
Was sind Innenpersonen/innere Anteile?

Eine Innenperson, auch innerer Anteil genannt, ist eine der Personen, die bei der dissoziativen Identitätsstörung, "zusätzlich" existiert. Die Anteile die den regulären Alltag regeln, werden oft die "Hauptpersönlichkeit" (Host) genannt. Diese ist in der Regel die, die vor der Diagnose als "die Patientin" bezeichnet wurde und sich zur Behandlung vorstellt. Anteile, die weniger regelmässig gesehen werden, oder nur introvertiert im Kopf vorhanden sind, bezeichnet man als Innenpersonen. Manche DIS - Patienten erleben jede Innenperson als eine einzelne Person. Andere erleben sie als anders als ihr gewöhnliches Ich, aber nicht als unterschiedliche Leute. Multiplizität ist nicht genau dasselbe bei jeder Person, und jedes Erleben der inneren Realität einer Person ist einzigartig. Oft haben Innenpersonen Namen, haben ein eigenes Alter und haben bestimmte Aufgaben zu erfüllen: Eine/r ist vielleicht verantwortlich dafür Wut zu spüren, ein/e andere/r dafür zur Schule oder zur Arbeit zu gehen, ein anderer kann wiederum derjenige/diejenige sein, der entscheidet, welcher der Innenpersonen zur gegebenen Zeit die Kontrolle über den Körper bekommt. Innenpersonen können ein anderes Geschlecht haben, als der Körper hat, oder eine andere sexuelle Orientierung als die "Hauptpersönlichkeit". Es können sogar Innenpersonen da sein, die Tiere, Gegenstände oder abstrakte Ideen sind. Manchmal haben Leute Innenpersonen, die als tot oder unsterblich erlebt werden.

Die Bildung von Innenpersonen ist eine natürliche psychologische Entwicklung, wenn extremer frühkindlicher Stress vorhanden ist. Leider kommt es auch oft vor, dass DIS - Patienten absichtlich "krank" gemacht worden sind, um besser manipuliert und benutzt werden zu können, oder um "Sicherungen" einzubauen, damit die Betroffenen später nichts nach aussen verraten. Missbrauchende Erwachsene die sich bewusst sind, dass es diesem Prozess gibt, können bewusst manipulieren und die entstehenden Persönlichkeiten so für ihre eigenen Interessen schulen. Einige Überlebende von rituellem Missbrauch, oder aus organisierten pädophilien Ringen, haben Innenpersonen, die von ihren Tätern geschult worden sind, damit sie bestimmte Aufgaben ausführen und sich, in der von den Tätern erwünschten Weise verhalten. Und manche Überlebende haben Innenpersonen, die in sorgfältig ausgearbeiteten Strukturen geregelt sind, vom Kult konstruiert, mit strengen Regeln über die Kommunikation der Innenpersonen.

Bei DIS - Patienten gibt es gemeinsame Eigenschaften der einzelnen Anteile. "Persönlichkeiten" mit dissoziativer Identitätsstörung (Ross et al. 1989):

86% Kind-Persönlichkeiten
84.5% Persönlichkeiten aus einer anderen Altersstufe
84% Beschützer-Persönlichkeiten
84% Täter-Persönlichkeiten

Nicht alle müssen vorhanden sein, auch kann eine Teilpersönlichkeit, mehrere Eigenschaften/Funktionen in sich tragen, ebenso kann es ganz andere geben: Hauptpersönlichkeit: Sie zeigt sich oft verunsichert und misstrauisch, hat Identitätsprobleme und Gedächtnislücken. Für sie ist es oftmals ein Schock und ein Lernprozess, die Diagnose anzunehmen.

Kind- und Kleinkindpersönlichkeiten: Sie bleiben lange auf ihr Alter fixiert und bewahren frühe Traumaerinnerungen und -Affekte auf. Sie "altern" eher gegen Therapie-Ende nach.

Verfolger: Sie fügen der Hauptpersönlichkeit (“Selbst”-)Verletzungen zu.

Täterloyale Anteile: Erhalten die Traumatisierung, verhindern Aussagen (sprechen Redeverbot aus.) Im Verhalten sind sie oft verächtlich - herablassend und versuchen die Therapie zu verhindern.

Suizidale Persönlichkeiten: Sie sind unermüdlich mit der Selbsttötung beschäftigt und schwer erreichbar.

Innere Beschützer: Bewahren vor Gefahren, sie können sich oft massiv körperlich zur Wehr setzen. Sorgen dafür, dass die Kindpersönlichkeiten nicht alles mitbekommen.

Innere Selbst-Helfer: (Beobachter, Koordinator) Können wichtige Hinweise zum Funktionieren der ganzen Anteile geben.

Promiskuitive Persönlichkeiten: Sie wiederholen den sexuellen Missbrauch an sich, manchmal gehen sie der Prostitution nach.

Organisatoren: Regeln Dinge des Alltags, auf der Arbeit oder mit Behörden, um die Funktionalität aufrecht zu erhalten und die Desorganisation einzudämmen.

Wichtig: Jeder Anteil ist genauso wichtig und ernst zu nehmen wie die Hauptpersönlichkeit!

 
Diagnose

Die exakte Diagnosestellung ist äusserst schwierig. Zum einen suchen die Betroffenen häufig gar keinen geeigneten Therapeuten auf oder sie verschweigen einige Symptome. (z. B. Erinnerungslücken, Stimmen hören), um nicht als verrückt abgestempelt zu werden. Die Diagnostik komplexer dissoziativer Störungen ist oft so schwierig, weil:

  • viele Betroffene nicht spontan und von sich aus über dissoziative Symptome berichten.
  • durch die z.T. breite Symptomüberlappung Probleme bei der differential-diagnostischen Abgrenzung von eigenständigen dissoziativen Störungen und dissoziativen Symptomen im Rahmen von anderen Störungen wie z.B. affektiven Störungen, Essstörungen, Angststörungen, Psychosen, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder Persönlichkeitsstörungen entstehen können.
  • viele Patienten mit komplexen dissoziativen Störungen nicht primär wegen ihren dissoziativen Symptomen therapeutische Hilfe suchen, sondern wegen Folgeproblemen oder Begleiterscheinungen wie die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Essstörungen, Beziehungsschwierigkeiten etc., die die dissoziative Symptomatik zunächst oft überdecken.
  • sich die Patienten zu Beginn der Behandlung der vorliegenden dissoziativen Symptome häufig nicht, oder nicht in vollem Umfang bewusst sind und dementsprechend nicht darüber berichten, oder diese verdrängen. (Stichwort: "Amnesie für die Amnesie")
  • viele Betroffene versuchen, ihre Symptome zu verstecken oder zu bagatellisieren, da sie z.B.:

 - durch die Symptomatik verunsichert oder verängstigt sind und sich daher das Ausmass der Symptome selbst nicht eingestehen können.
- sich ihrer Symptomatik schämen und/oder befürchten, aufgrund der Symptomatik für "verrückt" gehalten zu werden.
- aufgrund von traumatischen Erlebnissen grosse Probleme haben, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen.

 
Diagnostische Kriterien für die dissoziative Identitätsstörung (F44.81) nach Dell

Um eine benutzerfreundlichere Diagnosestellung anzubieten, wurde von Dell (2001) ein Kriterienkatalog entworfen, in dem sich das gesamte Spektrum dissoziativer Symptome widerspiegelt. Nach diesem Katalog mit verhaltensspezifischen Merkmalen ist nun eine Diagnosestellung möglich.

Kriterium A:
Ein durchgängiges Muster allgemeinen dissoziativen Funktionierens (mindestens vier der folgenden Symptome):

1. Gedächtnisprobleme: Auffällige Erinnerungslücken für die eigene Kindheit, Vergangenheit, den vorherigen Tag, aktuelle Ereignisse, wichtige persönliche Lebensereignisse u.s.w.

2. Depersonalisation: Dauerhafte oder wiederkehrende als seltsam bzw. fremd erlebte Wahrnehmung des Selbst, der Gedanken, oder des eigenen Körpers, z.B. sich "unwirklich" fühlen. Sich als distanzierte Beobachterin von sich selbst erleben, oder sich als vom eigenen Selbst, den eigenen Gedanken bzw. geistigen Inhalten oder vom eigenen Körper distanziert, entfremdet oder abgetrennt erleben.

3. Derealisation: Dauerhaft oder wiederkehrend veränderte Wahrnehmung der Aussenwelt, so dass diese fremd, unwirklich, entfernt, ungewohnt oder verändert erscheint.

4. Dissoziative oder Somatoforme Flashbacks:

  • Dissoziative Flashbacks (Gefühl, ein traumatisches Erlebnis noch einmal zu durchleben und dabei vollkommen den Kontakt zur Gegenwart, zu Zeit, Ort, Situation bzw. anwesenden Personen zu verlieren)
  • Somatoforme Flashbacks (Körpererinnerungen an körperliche Empfindungen aus einem vergangenen traumatischen Erlebnis)

 
5. Somatoforme Dissoziation: (z.B. Konversionssymptome): Körperliche oder neurologische Symptome, ohne organische Ursache. Mindestens drei der folgenden Beispiele:

  • Muskuläre Ausfälle (Lähmungen, Schwierigkeiten beim Laufen, Sprechen, Schlucken oder Wasser lassen, Steifheit.)
  • Wahrnehmungsstörungen oder –veränderungen (z.B. Blindheit, Taubheit, Ausfall der Körperwahrnehmung, Tunnelblick, auditorische Distanziertheit, Macropsie, Veränderungen von Geschmack oder Geruch.)
  • Neurologische Symptome (z.B. Krampfanfälle, Schwierigkeiten beim Sprachverständnis)
  • Schmerzen, insbesondere im Genitalbereich

 
6. Trancezustände: Wiederkehrende Trance-Episoden, während derer die Person in den Raum starrt, ohne an etwas zu denken und ohne wahrzunehmen, was um sie herum vor sich geht

 
Kriterium B:
Anzeichen für den teilweise dissoziierten Einfluss von Persönlichkeitsanteilen (mindestens sechs der folgenden Symptome):

1. Kinderstimmen: Die Stimme von einem oder mehreren Kindern hören (normalerweise innerhalb des Kopfes), die sprechen, schreien oder weinen.

2. Innere Dialoge oder Streits: Stimmen hören, die miteinander sprechen, streiten, oder miteinander oder mit der betroffenen Person kämpfen.

3. Drohende Stimmen: Stimmen hören, die die Person bedrohen, ihr schaden wollen oder sie beleidigen.

4. Teildissoziierte Sprache: Sich selbst sprechen hören, aber das Gefühl haben, nicht der-/diejenige zu sein, die spricht bzw. die die Worte wählt.

5. Teildissoziierte Gedanken: Die Person hat das Gefühl, dass ihr Gedanken eingegeben oder aufgedrängt werden, Gedanken scheinen "aus dem Nichts" zu kommen, auch Gedankenentzug.

6. Teildissoziierte Emotionen: Gefühle oder Stimmungen scheinen "aus dem Nichts" zu kommen, oder die Person hat das Gefühl, dass ihr Emotionen aufgedrängt/eingegeben werden, auch ein plötzliches und unerklärliches "Verschwinden" von Gefühlen.

7. Teildissoziiertes Verhalten: Die eigenen Handlungen als nicht unter der eigenen willentlichen Kontrolle befindlich erleben, als von aussen aufgedrängt oder von einer anderen Person ausgeführt erleben, auch auffallende Änderungen der Handschrift.

8. Zeitweise dissoziierte Kenntnisse und Fertigkeiten: Plötzliche Wechsel in Fähigkeiten, oder Funktionsniveau (z.B. vergessen, wie man Auto fährt, wie man einen Computer bedient, wie man seine Arbeit macht, nicht mehr lesen können etc.) oder das eigene Alter, Namen oder Adresse vergessen.

9. Verunsichernde Erfahrungen von Identitätsänderungen: Wiederholte Erfahrung, sich wie eine andere Person zu fühlen oder zu handeln (z.B. wie ein kleines Kind, wie eine Angehörige des anderen Geschlechts, wie eine Person mit völlig anderen Ansichten oder Wertvorstellungen etc.)

10. Identitätsunsicherheit: Verunsichert oder verwirrt über sich selbst sein (aufgrund von wiederholten ich-fremden intrusiven Wechseln in Gedanken, Einstellungen, Emotionen, Fertigkeiten, Verhaltensweisen, Funktionstüchtigkeit)

11. Vorhandensein teildissoziierter Selbst-Zustände: Diagnostikerin trifft während der Untersuchung auf einen teildissoziierten Selbst-Zustand, der angibt (oder den Anschein erweckt), jemand anders als die untersuchte Person zu sein. Ein teildissoziierter Selbst-Zustand zeigt sich durch:

  • Co-Bewusstsein der Person für die Aktivitäten des anderen Zustandes
  • die Person erinnert, was der andere Selbst-Zustand gesagt bzw. getan hat
  • der Selbst-Zustand als "etwas anderes" erlebt wird

 
Kriterium C:
Hinweise auf voll dissoziierte Handlungen anderer Selbst-Zustände (mindestens einer der folgenden Punkte (1) und (2) muss zutreffen):

1. Wiederholte Amnesien für das eigene Verhalten:

a) stark lückenhaftes Zeiterleben:

  • Zeitverluste: vollständige "Erinnerungslücken" oder "Filmrisse" für zwei Stunden oder mehr.
  • "Zu sich kommen", während die Person dabei ist, eine Handlung auszuführen, ohne sich bewusst gewesen zu sein, dies zu tun (z.B. Auto fahren, abwaschen etc.)
  • Fugues: plötzliche und unerwartete Wechsel von einem Ort zum anderen, ohne dies bewusst entschieden zu haben und ohne sich an die Reise bzw. den Weg von Punkt A nach Punkt B zu erinnern.

 
b) Nicht-erinnerbares Verhalten:

  • Der Person wird von einer zuverlässigen Beobachterin über Handlungen berichtet, für die sie eine vollständige Amnesie hat.
  • Dinge im eigenen Besitz finden, die man selbst angeschafft haben muss, ohne sich jedoch daran erinnern zu können.
  • Notizen oder Zeichnungen finden, die man selbst angefertigt haben muss, ohne sich jedoch daran erinnern zu können.
  • Hinweise auf kürzlich ausgeführte Handlungen (z.B. Beendigung einer Aufgabe, andere Kleidung tragen, eine Mahlzeit zu sich genommen haben etc.), ohne sich an die Ausführung erinnern zu können.
  • Feststellen, dass man einen Suizidversuch unternommen hat oder sich selbst verletzt hat. (ohne sich erinnern zu können, dies getan zu haben)

 
2. Vorhandensein vollständig dissoziierter Selbst-Zustände:

Diagnostiker trifft auf einen voll dissoziierten Selbstzustand, der für sich in Anspruch nimmt, eine andere Person zu sein als die, die untersucht wird. Die Primär-Person hat eine Amnesie dafür, dass die Untersucherin Kontakt mit dem anderen Selbst-Zustand hatte.

Sind die Kriterien erfüllt (Kriterium A: 4 Symptome, Kriterium B: 6 Symptome, Kriterium C: mindestens einer der Punkte 1, oder 2 muss zutreffen), liegt das Vollbild einer schweren Dissoziativen Störung, im Sinne einer dissoziativen Identitätsstörung vor. Werden nicht alle Kriterien erfüllt, handelt es sich um ein Teilbild mit weniger schwerer Ausprägung, die nach den geltenden Kriterien als Nicht Näher Bezeichnete Dissoziative Störung (DSNNS) diagnostiziert werden würde.

 
Komorbidität

Sicher sind DIS - Patienten genauso verschiedene Menschen, wie andere auch, das heisst sie können sehr unterschiedlich sein. Dennoch ergeben sich aus den oft zusätzlich vorhandenen Störungen und Symptome, die komorbid auftreten. Auch aufgrund der Lebensgeschichte erklärbarer Bedürfnisse und Schwierigkeiten, ergeben sich häufige Gemeinsamkeiten:

Alle an einer DIS erkrankten, leiden unter zahlreichen dissoziativen Symptomen (Putnam, 2003,S. 84), besonders unter Amnesien. Zu den möglichen dissoziativen Symptomen zählen laut NIMH-Studie von Frank W. Putnam:

  • Amnesien (98 %):
  • Fugue- Episoden (55 %)
  • Depersonalisation (53 %)

 
Informationen zur dissoziativen Amnesie, dissoziativen Fugue und zur dissoziativen Depersonalisationsstörung findest du hier .

Bezüglich der Amnesien ist zu sagen, dass hier bei den Betroffenen eine Amnesie für die Amnesie vorliegen kann (Putnam, 2003; Huber, 1995), so dass sie nicht immer über ihre Symptome wie Zeitverluste berichten können. Andererseits können die Betroffenen ihre dissoziativen Symptome aus Angst verschweigen, dass man sie für verrückt halten könnte (Putnam, 2003, S.84). Peter Fiedler beschreibt eine Simulation eines funktionierenden Gedächtnisses (Fiedler, 2001) und verweist auf die leidigen Erfahrungen Betroffener in ihrer Behandlungsvorgeschichte, die sie ein extremes Misstrauen entwickeln liess. (Fiedler, 2001, S.389).

Stimmen hören
Stimmen hören ist ein Symptom, was wohl den meisten DIS - Patienten sehr vertraut ist. Im Gegensatz zu anderen Krankheitsbildern liegen keine Wahnvorstellungen vor, auch bleibt der Realitätsbezug vorhanden. Der Unterschied zu anderen psychiatrischen Erkrankungen liegt darin, dass die Stimmen im Kopf wahrgenommen werden. Die meisten nehmen diese als "laute Gedanken" wahr. (vgl. Putnam,2003, S. 86) Diese Stimmen können sehr ängstigend und schambesetzt sein. Sie haben oft selbstschädigende Verhaltensweisen zur Folge, um sie zum Schweigen zu bringen. (Huber, 1995, S.119) Stimmen im Kopf können verschiedene Gefühle und Beeinträchtigungen hervorrufen. Sie können bedrohlich sein. Sie können: Unruhe stiften, verunsichern, Angst machen, die Angst schüren, verrückt zu sein. Des Weiteren können sie anstrengend sein, überfordern. Man kann sich ihnen ausgeliefert fühlen. Aber die Stimmen können auch trösten, Mut machen. Sie können auch einfach ihre Meinung zu einer Sache sagen, die gerade aktuell ist. Oder sie können von ihren Erfahrungen erzählen. Unaufhörlich. Quälend. Oder kleine Kinder können plötzlich verzweifelt losschreien. Sie können untereinander diskutieren. Wem soll man da nun in seinem Kopf zuhören und wie soll man im "Aussen" noch Gesprächen folgen können?

Beziehungen
Besonders hervorgehoben wird mehrfach die besondere Sensibilität in Beziehungen zu anderen Menschen, sowie ihre Angst, für verrückt gehalten zu werden. Letzteres kann bewirken, dass die Betroffenen ihr Innenleben vor anderen verbergen, sie sich auch unter Menschen einsam fühlen, oder sie sich gänzlich zurückziehen. Sie sind oft sehr einsam (Huber, 1995). Hinzu kommt, dass DIS - erkrankte sehr misstrauisch sind, wobei dies jedoch auf einzelne Innenpersonen bezogen auch wieder ganz anders aussehen kann.

Gedanken, die sich aus ihren Erfahrungen ergeben, können z.B. sein:

  • Ich wirke auf andere unzuverlässig. Dann ziehen sie sich schnell zurück.
  • Dauernd glaube ich, dass mich die anderen für verrückt halten.
  • Ich fühle mich mit anderen Menschen sehr alleine.
  • Im Kontakt mit anderen Menschen fühle ich mich verrückt und verdreht. (Vogler, 2002, S. 127)

 
DIS - Patienten haben eine grosse Angst vor Ablehnung: "Sie sind ungeheuer sensibel für jede Form von Ablehnung, und sie fühlen sich oft abgelehnt, obgleich niemand vorhatte, sie abzulehnen." (Putnam, 2003, S. 208).

Sind schon die allgemeinen Kontakte zu anderen Menschen konfliktbehaftet und angstbesetzt, so gilt dies für Beziehungen ganz im Besonderen. Hier werden einerseits besonders die bisherigen traumatischen Erlebnisse deutlich als auch Scham- und Schuldgefühle:
"Scham- und Schuldgefühle, im Zusammehang mit dem Verlust eigener Körperlichkeit, erweisen sich häufig als Schlüssel, im Bereich der zwischenmenschlichen Erfahrungen." (Fiedler, 2002, S.93)

Leistungsfähigkeit
DIS - Patienten können Überdurchschnittliches leisten. Ein Fünftel der Patienten, die in der NIMH- Übersichtsstudie erfasst wurden, wiesen eine über den Durchschnitt liegende Intelligenz auf, oder waren hochbegabt. Manche sind beruflich sehr erfolgreich und arbeiten im sozialen, psychologischen und psychiatrischen Bereich, andere sind Juristen. Diese dürften jedoch gemessen mit allen Betroffenen eher die Ausnahme sein. Nicht wenige sind gar nicht, oder nur begrenzt arbeitsfähig. Dass DIS - Patienten, aus verschiedenen Gründen auf Rente oder Sozialhilfe angewiesen sind, ist leider keine Seltenheit.

Angststörungen
Angst- und Phobiesymptome sind bei DIS - Patienten oft zu finden (Putnam, 2003,S.85). Angstattacken, die die Primärpersönlichkeit erlebt, führen oft zu Wechseln der anwesenden Personen (Putnam, 2003, S.85)

Suchterkrankungen
Bei vielen Patienten liegt ein Substanzmissbrauch vor (Putnam, 2003, Fiedler, 2001). Dabei kommt es bevorzugt zu Mehrfachabhängigkeiten, insbesondere von Alkohol und Stimulanzien. Halluzinogene sind bei DIS-Patienten offenbar weniger beliebt. (Putnam, 2003, S. 85)

Suizidalität/Selbstverletzendes Verhalten
Suizidale Verhaltensweisen kommen bei DIS-Patienten extrem häufig vor. (Putnam, 2003,S. 89) Ein- oder mehrmalige Suizidversuche kommen bei etwa dreiviertel aller Multiplen vor! (Putnam, 2003; Fiedler, 2001).

Selbstverletzendes Verhalten wird einerseits mit mindestens einem Drittel (Putnam, 2003,S.98) bzw. mit 30- 40 % (Fiedler, 2001, S. 202) angegeben, jedoch dürften dies wesentlich mehr sein, so Frank W. Putnam, weil die Betroffenen nur selten davon berichten. Selbstschädigendes Verhalten kennen laut Michaela Huber nahezu alle an einer dissoziativen Identitätsstörung erkrankten. (Huber, 1995).

Weiterhin treten folgende Begleiterkrankungen gehäuft bei der Dissoziativen Identitässtörung auf:

  • (komplexe) posttraumatische Belastungsstörung (Fiedler, 2001, S. 203)
  • Essstörungen bei 15- 40 % (Fiedler, 2001, S. 202)
  • Zwänge aller Art(Huber, 1995, S. 157)
  • Sexuelle Funktionsstörungen kommen bei 60-80 % vor (Fiedler, 2001, S. 202)
 
Verlauf und Prognose

1) natürlicher Verlauf einer dissoziativen Identitätsstörung: hohe Chronizität (Kluft 1985)

2) kaum spontane Vollremissionen, aber Veränderung der symptomatischen Darstellung:

  • Patienten in ihren 20er Jahren: Fülle dissoziativer Symptome
  • in den 30er Jahren: eher depressive, ängstliche und Zwangssymptome
  • in den 40er Jahren erstmals als DIS - Pat. diagnostiziert
  • jenseits des 50. Lebensjahres zeigen die Persönlichkeitssysteme in der Regel vereinfachte, weniger dramatische Konfiguration

3) Komplikationen und Risiken durch sekundäre psychiatrische Komorbiditäten.
Speziell: hohes Suizidalitätsrisiko (Suizidversuch: 72%, vollzogener Suizid: 2.1%)

 
Die Therapie der dissoziativen Identitätsstörung

Spontanheilungen sind bei der Dissoziativen Identitätsstörung selten. Daher ist eine Therapie in fast jedem Fall notwendig. Das Therapiekonzept besteht darin, den Betroffenen zu helfen:

  • die volle Tragweite ihrer Störung zu erkennen und zu verstehen,
  • ihre Gedächtnislücken aufzufüllen,
  • ihre inneren Anteile/Subpersönlichkeiten kennen zu lernen. Alles was da ist, ist wichtig! (alle Meinungen, auch die Wütende, oder Anteile, die Angst machen - erst alles zusammen ist "Sie")
  • Innere Landkarten und Arbeit auf der inneren Bühne mit allen Anteilen

 
Arbeit auf der inneren Bühne bedeutet: Alltagstaugliche Persönlichkeitsanteile sollen den Alltag regeln und sich bereit erklären, so viel wie möglich/nötig aus dem "Innenleben" zu lernen. Die Anteile werden zunächst in hilfreiche (Beschützer, Beobachter, Wächter, Helfer etc.) und weniger hilfreiche täterloyale und identifizierte, sowie solche "ausser Kontrolle" sortiert. Introjekte werden nach und nach zur Mitarbeit eingeladen bzw. in "mein/unser" und "nicht ich" unterschieden.

Zielsetzung ist dabei eine Kooperation untereinander, bei günstigem Verlauf eine Integration zu erreichen.

Therapieelement I - Störung erkennen
Zu Beginn wird ein therapeutisches Bündnis zwischen dem Therapeuten und jedem der inneren Anteile angestrebt. Es können auch Verträge geschlossen werden, um einem Abbruch der Therapie, Selbstschädigungen oder Suizidversuchen vorzubeugen. Oft sind diese Bündnisse nicht leicht herzustellen, was auf das durch den Missbrauch zurückzuführende Misstrauen der einzelnen Persönlichkeitsanteile, gegenüber anderen zurückzuführen ist.

Für die Patienten ist es meistens schwierig, die volle Tragweite ihrer Störung zu erkennen, weil sie sich oft niemals dem Umstand gestellt haben, dass sie in mehrere Subpersönlichkeiten zerfallen. Dies wird zum Teil durch die gegenseitigen Amnesien der Anteile untereinander zurückgeführt, oder durch den fälschlichen Glauben an einer anderen psychiatrischen Erkrankung zu leiden. (Wer spricht schon gerne über "Stimmen hören" im Kopf?) Daher ist es wichtig, dass sich die Patienten bewusst werden, dass sie mehrere innere Anteile beherbergen. Der Erkenntnisprozess ist meistens mit starken emotionalen Belastungen für die Patienten verbunden.

Therapieelement II - Erinnerungen wieder finden
Das besondere Problem bei der dissoziativen Identitätsstörung besteht darin, dass die Erinnerungen nicht nur durch den einen Anteil vergessen wurden, sondern dass sie zu anderen Identitäten gehören. Es gibt oft "Beschützer" - Anteile, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Primärpersönlichkeit vor den traumatischen Erfahrungen zu bewahren. Wenn sich die Primärpersönlichkeit an diese Erfahrungen erinnern soll, dann setzen besonders diese "Beschützer" - Anteile dem therapeutischen Bemühen Widerstand entgegen. Es kommt manchmal vor, dass die Patienten selbstdestruktiv werden, so dass eine stationäre Aufnahme notwendig wird.

Therapieelement III - Kooperation/Integration
Die Behandlung der Patienten kann jahrelang dauern. Die am meisten angewandte Methode ist die Gesprächstherapie bei einem Traumatherapeuten. Ziel ist es eine Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen zu erreichen. In einem weiteren Schritt - wenn der Patient es will - können die einzelnen Persönlichkeiten wieder integriert werden und eine gemeinsame Vergangenheit und ein gemeinsames Erinnerungsvermögen hergestellt werden.
Die Kooperation der Anteile untereinander, ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich während der Therapie nur dann vollzieht, wenn die Grenzen zwischen den Anteilen durchlässig werden, so dass der Betroffene schliesslich ständig die Kontrolle über seine Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken hat.
Eine letztendliche Verschmelzung aller Anteile, zu einer, wird als Fusion bezeichnet. Dieser Integration begegnen einige Anteile meistens mit Misstrauen, oder vollständiger Ablehnung, weil sie die Integration mit ihrem Tod gleichsetzen.

Wenn eine Kooperation, oder eine Integration aller Anteile, erreicht wurde, muss die Therapie fortgesetzt werden, um die integrierten Anteile zu festigen, die sozialen und Bewältigungsmechanismen zu entwickeln, damit keine weiteren Dissoziationen auftreten. Ohne die fortgesetzte Therapie besteht die Gefahr einer erneuten dissoziativen Reaktion auf zukünftige akute Belastungen.

 
(Lieben Dank für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung an "Ein Stück Leben", http://www.schwarzespiegelscherben.de)